von christian vagedes
// verändern kann man nicht erzwingen. aber es ist erlaubt, hinweise zu geben. und vertrauen in menschen zu haben. denn der fortschritt der menschheit ergibt sich aus dem fortschreiten des einzelnen und aus seiner persönlichen erkenntnis. wir können texte erfassen oder texte übergehen. wer sie anfertigt ist oft in einer frühlingsstimmung, hat die hoffnung: mögen es möglichst viele menschen lesen und vielleicht sogar mit dem herzen aufnehmen.

die natur macht es uns vor. eine blüte macht noch keinen frühling. aber wenn die blumen hervorsprießen, die bienen und hummeln sich darüber freuen und mit ihrer arbeit beginnen, wenn es lichter und wärmer wird, grüner und lebensfroher, dann spüren wir, was neubeginn, hoffnung und auferstehung bedeutet. wer nichts mit dem wort liebe anfangen kann, erahnt seine bedeutung spätestens, wenn er dann einmal merkt, wie schön der frühling ist.

beim ersten frühjahrsvollmond ist ostern. schafsmütter haben lämmer geboren. was, wenn ihr gezieltes töten auf ein missverständnis zurückzuführen ist?

im jahre 2007 hat das oberhaupt der katholischen kirche, papst benedikt xvi, erstmals zugegeben, dass die übersetzung der bibel höchstwahrscheinlich fehlerhaft sei, dass nämlich beim letzten abendmahl eben gerade kein »osterlamm« verspeist, sondern vermutlich ein (veganes) ostermahl eingenommen wurde. wissenschaftler bemerkten, dass die formulierung des christus im neuen testament (markus 14) »gehet hin in die stadt, so wird euch ein mensch begegnen, der einen wasserkrug trägt; dem folget nach« auf einen essener hinweise, einem menschen, der sich streng pflanzlich ernährte. papst benedikt hatte dies im jahre 2007 bekräftigt. (1)

damit bestätigte er – von der öffentlichkeit wenig beachtet – was die »eingeweihten« genannten, wissensorientierten christen über jahrhunderte entgegen der offiziellen staats- und kirchenmacht als verborgen gehaltene weisheit in kleinen kreisen aufrecht erhalten hatten und zuletzt rudolf steiner und richard wagner vorsichtig ausgesprochen hatten: dass das abendmahl selbst das symbol für den »übergang zur pflanzlichen ernährung« sei (rudolf steiner). (2) für derlei aussagen wurden manichäer, waldenser, albingenser, katharer, bogumilen und andere auf scheiterhaufen verbrannt.

es ist bezeichnend, dass diese vegane bedeutung des abendmahls – und damit auch des osterfestes – weder der mehrheit der menschen in den auf rudolf steiner zurückgehenden intitiativen wirklich schon bewusst geworden ist, noch etwa den besuchern der bayreuther festspiele oder hörern der wagnerischen musik, geschweige denn allen denen, die dem einfluss christlicher kulturimpulse ausgesetzt sind. doch die menschheit entwickelt sich weiter und die welt verändert sich.

2012 ist der zeitpunkt gekommen, das jahrhundertelange schweigen in aller öffentlichkeit auch in diesen angelegenheiten zu beenden und alle hierzu schon bereiten mitmenschen von herzen dazu aufrufen, die grausamen tabus und »traditionen« in freiheit und selbstbewusst aus einsicht und überzeugung zu brechen.

»osterlamm« und »ostereier«: wenn selbst das oberhaupt der katholischen kirche es für wahrscheinlich hält, dass der christus mit seinen jüngern ein veganes essenermahl zu ostern teilte und sich das traditionelle sogenannte »osterlamm« damit im grunde geradezu »antichristlich« ist, so ist es höchste zeit, unsere mitmenschen mutig dazu aufzurufen, fortan keine lämmer mehr zu töten, sie schon gar nicht »osterlämmer« zu nennen.

als ich selbst noch fleisch aß, ich versuche mich immer wieder daran zu erinnern, versperrte ich mich gezielt vor diversen hinweisen. zu stark lagen offenbar die emotionalen panzerschichten um mein herz. vielleicht hätte mir da ein foto von einem lamm geholfen und zwar von einem lebendigen. denn die genaue vorstellung von dem tierkind hätte mir sicher auch damals schon das fleischessen verekelt. ich erinnere mich noch, wie angeekelt ich einmal reagierte, als mir jemand »kaninchen« zum essen servierte und ich sofort an weiche, liebevolle tiere denken musste und das essen dann spontan ablehnte. durch eine genaue vorstellung erwacht erst die liebe. das genaue bild von einem schafskind kann dazu führen, dass wir es nicht mehr essen können. aber die genaue vorstellung von einem tier, kann sich auf alle tiere übertragen.

wenn wir den mut zur offenheit und genauen vorstellung haben: schafskinder dem menschlichen traditionsautomatismus zu opfern war schon immer grausam und es ist zeit, dass uns dies bewusst wird. man tötet schafskinder in einem moment der freude, noch bevor sie ihre jugend erleben. ist das anklagend? im grunde ja, aber es geht nicht darum, die »täter« zu beschimpfen, sondern darum, ihnen die wirklichkeit der opfer bewusst zu machen. ist uns eigentlich bewusst, dass wir opfer in kauf nehmen? bei den lämmern heißt es sogar »opferlamm«!

und ostereier? allein in der bundesrepublik sterben nach angaben des magazins »der spiegel« mindestens 40 millionen küken allein bei der produktion von legehennen, aber auch die mütter und legehennen selbst werden geschlachtet. jedes hühnerei ist damit wie jedes lamm und andere tierliche produkt mit rücksichtslosigkeit, gedankenarmut oder kaltem egoismus verbunden. oder einfach mit bewusstlosigkeit, mit von kindesbeinen erlerntem wegschauen, das uns nicht einmal bewusst ist. es ist eine antrainierte ideologie, die melanie joy treffend »karnismus« nennt.

auch das mag anklagend klingen. aber wenn wir bei ostern und dem christentum sind: hat nicht der christus selbst die tische der händler und taubenzüchter im tempel umgestoßen?

was hat der christus gemeint, als er die händler, unter ihnen offenbar zahlreiche schafzüchter, aus dem tempel mit den worten vertrieb:

»›mein haus soll heißen ein bethaus allen völkern‹? ihr aber habt eine mördergrube daraus gemacht.« können wir auch das als »anklage« abtun und – wie heute so üblich – übergehen?

ergänzend hierzu nehmen wir einmal an, was man heute in jedem yogakurs lernt, dass der eigentliche tempel der körper eines jeden menschen sei. geht uns da ein licht auf, wenn wir selbstkritisch über unseren konsum von produkten nachdenken? hat es in der geschichte der menschheit denn dann überhaupt schon einmal einen zeitpunkt gegeben, indem wir unseren körper, unseren »tempel« so derart zu einer solchen »grube« machten wie heute?

ich weiß, dass es »anklagend« klingt und gestehe mit traurigkeit, dass ich meinen eigenen körper viel zu lange zu einer solchen »grube« gemacht habe und mich nicht ansatzweise ausschließe. kein veganer ist in diesem sinne generell ein besserer mensch, aber es kommt darauf an, wie wir uns ab sofort verhalten. außerdem weiß ich ja, dass »anklagen« oft verhallt. aber ich wiederhole, was ich eingangs schrieb: ich versuche hinzuweisen, anzuregen. anders als die vorurteile es oft nahelegen, sind viele menschen offenherzig. das begründet hoffnung. aus der verhärtung gibt es auswege, ich habe das gut an mir selbst beobachtet.

damit es nicht bloß dem jahresrythmus der natur nach frühling wird, sondern damit auch die kultur des menschen frühling feiern kann: angesichts dessen, was wir den tieren heute unbewusst oder bewusst antun, ruft alles nach einer kulturellen frühlingsstimmung der menschheit, sehnt sich der geistige boden nach frühlingshaftem hervorsprießen einer neuen kultur und nach dem friedensschluss mit den tieren.

unser schweigen basiert im moment noch auf dem »glauben«, dass das, was »die meisten« tun, nicht falsch sein könne. dieser falsche »glauben« versetzt berge voller tierleichen allermöglichen tiergattungen: tag für tag, ohne pause, solange, bis wir endlich damit aufhören und das töten beenden. unser verhalten den tieren gegenüber ist die bitterste winterzeit und es sind unsere eiskalten herzen und es ist unser wegschauen, das den frost in unseren verhärteten herzen immer wieder verlängert. den »glauben« können wir ersetzen durch wissen.

vegan – fünf buchstaben sind daher das symbolhafte vorzeichen für den frühling in der nachwinterlichen mensch-tier-beziehung, sind der vorbote für ein anderes wort mit fünf buchstaben, das aufs engste mit ostern verbunden ist: liebe. wenn die konsequente liebe der menschen zu den tieren und zu allem leben auf der erde »auferstehung« feiert – dann erst werden wir vermutlich mit unseren herzen erstmals die wahre bedeutung von dem erfassen, wofür das wort ostern steht. es liegt alles an und vor allem in uns.

der schritt, vegan zu werden ist ein akt der individuellen freiheit und jeder veganer, der des friedens willens vegan wird, ist ein frühlingshafter vorbote, eine aufgehende blume in einem neuen kulturblühen, in dem nach charles darwin bereits evolutionär begründbaren erwachen der mit den tieren frieden schließenden menschheit.

(1) wiedergabe der meldung der französischen nachrichtenagentur afp: http://ejpress.org/article/15698
(2) weitere hintergrundinformationen und originalquellenangaben in dem buch von christian vagedes: veg up. die veganisierung der welt, insbesondere in den kapiteln 16 bis 18. zu erwerben über jede buchhandlung oder direkt.

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