offener brief von christian vagedes* als reaktion auf den artikel Tierschutz-Taliban bedrohen die deutsche Jagd von eckhard fuhr in der tageszeitung die welt:

sehr geehter herr fuhr,

was muss in ihnen vorgehen, dass sie menschen, die gewaltlos und mit friedlichen mitteln für das recht von schwächeren eintreten als »taliban« verunglimpfen?

bitte denken sie auch unabhängig von den an den deutschen presserat eingehenden beschwerden noch einmal über ihre wortwahl nach – sie ist mehr als unpassend für eine offene zivilgesellschaft.

auch der begriff »veganer-justiz« erinnert nicht an objektiven journalismus. selbst die aktivsten veganen idealisten würden solche verkürzenden vokabeln nicht benutzen. wir schrieben noch nie von »jäger-justiz« oder von »schlachter-justiz«, auch wenn die jagd und das schlachten von tieren im moment noch gesetzlich geschützt werden.

in ihrem artikel berufen sie sich auf das revolutionsjahr 1848. demnach sei die jagd dort als recht erstritten worden. ich möchte sie historisch dahingehend korrigieren, als dass es auch bereits zu dieser zeit immer großartige persönlichkeiten gegeben hat, die sich für die rechte unserer mitgeschöpfe stark gemacht und schon damals selbstverständlich keine tiere gegessen haben. schlagen sie bitte nach unter gustav struve, einem der beiden führenden köpfe der badischen revolution. struve, der später nach amerika emigrieren musste und abraham lincoln dabei half, dass auch die deutschstämmigen ihn zum präsidenten wählten, war schon damals gegen das jagen und das verspeisen von tieren, schrieb darüber sogar eine schrift.

denken sie bitte auch an richard wagner, der sich aktiv am dresdner aufstand beteiligte und der das christentum deshalb in der großen krise sah, weil es noch nicht, so wagner, begriffen hätte, dass christus sich opferte und die christen nach ihm keine tiere mehr essen dürften.

wenn sie nun in ihrem artikel schreiben, die jagd sei damals von den demokratischen revolutionären durchgesetzt worden, so ist es genau anders herum, herr fuhr: die revolutionäre standen auf für recht und freiheit. wenn heute veganer von ihrem recht gebrauch machen und – ihrem gewissen entsprechend – das sinnlose jagen von tieren auf ihrem privatgrundstück untersagen, so steht genau diese möglichkeit in der tradition von 1848.

und abschließend noch etwas, herr fuhr: struve, wagner und viele weitere 48-er, aber auch wir heutigen ethischen veganer wollen das recht und die freiheit nicht für uns behalten. wir lieben tiere und möchten, dass auch sie in den schutz des rechtes auf unversehrtheit kommen.

in dieser großen liberalen tradition steht auch unser erster bundespräsident theodor heuss, der etwa hundert jahre nach dem revolutionsjahr schrieb: »jagd ist nur eine feige umschreibung für besonders feigen mord am chancenlosen mitgeschöpf. die jagd ist eine nebenform menschlicher geisteskrankheit.«

aufgrund der heute bereits existierenden lebensmitteltechnik, aufgrund der umwelt, der gerechten nahrungsverteilung weltweit spricht gar nichts mehr für nichtvegane, stattdessen aber doch alles für vegane lebensmittel. auch sie brauchen keine toten tiere zum überleben. machen sie sich bitte auch in sachen jagd ein objektiveres bild. dass die jäger zum schutz der pflanzen gebraucht würden ist ebenso ein mythos, wie der noch immer verbreitete, aber stark schwindende unsinn, dass man fleisch essen müsste, um lebenskraft zu bekommen.

wenn sie die jagd als bestandteil der kultur betrachten, so ist es in wirklichkeit ja so, dass der übergang zur veganen ernährung und auch die befriedung der wälder durch überwindung der jagd erst die menschliche kultur zur blüte bringen. denn beides sind symbole für das, was darwin »die edelste tugend« des menschen nannte. der vegane lebensstil und die überwindung der jagd sind gerade die entscheidenden merkmale der geistig-kulturellen evolution des menschen.

herzlichst,
ihr christian vagedes

 

* christian vagedes ist gründer und erster vorsitzender der veganen gesellschaft deutschland e.v., außerdem autor des buches veg up, die veganisierung der welt, in dem er über viele der in seinem offenen brief angerissenen punkte ausführlich und unter nennung der quellenangaben berichtet.